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1 Erschließung poetischer Texte Kurzprosa Bei der Erschließung poetischer Texte kommt es zunächst auf d...

Texterschließung Mittel- und Oberstufe

Erschließung poetischer Texte – Kurzprosa Bei der Erschließung poetischer Texte kommt es zunächst auf das Verstehen des Textes an. Erschließung bedeutet in diesem Zusammenhang Analyse und Deutung des ausgewählten Textes. Mit der Analyse und Deutung verbindet sich in der Regel ein Erörterungsauftrag oder die Aufforderung, zu einem Aspekt des Textes Stellung zu nehmen. Im Wesentlichen sind damit auch die Arbeitsschritte festgelegt. Zunächst geht es um analytische Gesichtspunkte. Dazu gehört die Inhaltsangabe. Hinzu kommen weitere Untersuchungspunkte wie Aufbau, Erzählperspektiven und andere Aspekte wie die sprachliche Gestaltung. Die in der Analyse erkannten Merkmale verbinden sich mit Aussagen zur Deutung. Am Ende der Texterschließung ist häufig eine Stellungnahme im Sinne einer verkürzten Erörterung bzw. eine literaturgeschichtliche Einordnung gefordert.

Die Kapitel im Überblick 1 Literaturtheoretisches Grundwissen 1.1 Textarten 1.2 Erzählverhalten 1.2.1 Erzählperspektive 1.2.2 Erzählzeit vs. erzählter Zeit 1.2.3 Ortsstruktur 1.2.4 Personenkonstellation 1.3 Sprachlich-stilistische Analyse

2 Erschließung poetischer Texte am Beispiel von Kafkas Parabel „Heimkehr“ 2.1 Arbeitsplan 2.2 Die Einleitung 2.3 Erschließen poetischer Texte 2.3.1 Analyse 2.3.2 Die Deutung 2.4 Erörterung 2.5 Schlussgedanke 2.6 Anmerkungen zur Ausformulierung 2.7 Musteraufsatz mit Gliederung

3 Die Interpretation einer Kurzgeschichte am Beispiel von Wolfgang Borchert „Nachts schlafen die Ratten doch“ 3.1 Gliederung 3.2 Schüleraufsatz 10.Klasse

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1 Literaturtheoretisches Grundwissen 1.1 Textarten Wir unterscheiden in der Epik verschiedene Textsorten, denen bestimmte Merkmale zu Grunde liegen. Diese sollten Sie sich gut einprägen, da Sie sie immer wieder für die Textinterpretation benötigen. Die Merkmale der einzelnen Textarten können Ihnen bei der Deutung helfen. So behandelt zum Beispiel eine Kurzgeschichte in der Regel ein Alltagsgeschehen, während eine Parabel ein eher abstraktes Problem, eine Fabel hingegen eine Lehre verschlüsselt vermittelt. Die Kurzgeschichte gehört zu einer der wichtigsten Textgattungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Sie ist gekennzeichnet durch • einen Einstieg ohne längere Einleitung; • eine kurze, einsträngige Handlung ohne Nebenhandlungen; • einen geringen Ortswechsel; • wenige Personen, die nicht näher charakterisiert werden und dem Alltag entnommen werden; • eine kurze Zeitspanne; • einen offenen Schluss. Damit zeigt die Kurzgeschichte einen kleinen, mosaikartigen Ausschnitt aus einer Realität, die sich nicht mehr auktorial (vgl. Erzählperspektiven) als ein überschaubares Ganzes darstellen lässt. Eine lehrhafte Erzählung mit einer Moral, in der Tiere die Rolle von Fabel Menschen als gesellschaftsbedingten Wesen übernehmen. Damit enthalten Fabeln Handlungsmaximen für den Menschen in seinem sozialen Umfeld. (vgl. Aesop) Kalendergeschichte Kurze, meistens lehrhafte Erzählung, die aber gleichzeitig der Unterhaltung dienen soll (vgl. J.P. Hebel, P. Rosegger u. a.). Auch Schriftsteller des 20. und 21. Jahrhunderts wie zum Beispiel Bertold Brecht bedienten sich dieser Textsorte. Eine kurze, wahre Begebenheit aus dem Leben eines – in der ReAnekdote gel bekannten - Menschen, die diesen, bzw. die menschliche Natur und Psyche allgemein charakterisiert. (vgl. Anekdoten von H. v. Kleist)

Kurzgeschichte

Parabel Aufgabe: 1. Schlagen Sie unter dem folgenden Link http://www.tipsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_epik/txtsor/epi_klein/para/par_center map.htm nach und informieren Sie sich über die Textgattung „Parabel“! Notieren Sie die wichtigsten Stichpunkte unter der angegebenen Tabelle! 2. Um welche Textsorte handelt es sich bei Kafkas Erzählung „Heimkehr“? Begründen Sie Ihre Entscheidung anhand der obigen Definitionen sowie am Text selbst. Lesen Sie sich dafür unter dem nachfolgenden Link die Erzählung „Heimkehr“ von Franz Kafka durch! Link: http://gutenberg.spiegel.de/kafka/misc/heimkehr.htm

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Lösung Aufgabe 1 • • •

Parabel wurzelt in der antiken Rhetorik Hat im Lauf der Geschichte unter Beibehaltung bestimmter Grundstrukturen alle Begrenzungen einzelner Gattungen überschritten Unterschiedliche Parabelformen: Absurde Parabel (Beckett), Biblische Parabel (A.T., N.T.), Didaktische Parabel (Lessing), Verrätselte Parabel (Kafka)

Textsortenmerkmale

GESCHEHEN/ HANDLUNG IN DER PARABEL • • • • • • • •

Leser

Bildebene

Sachebene Deutung SINN/AUSSAGE

Gegenüberstellung von Bildbereich – Gedankenbereich/Grundbereich – Vergleichsbereich/ Bildhälfte – Sachhälfte à Analogieschluss statt direktem Verweis, d.h. der Leser muss den Sinn selbst entschlüsseln will allgemeine Wahrheit vermitteln lehrhaft, didaktisch, aufklärerisch à Affinität zu Gleichnis, Fabel, Allegorie, Vergleich gleichnishafte Beispielgeschichte distanziert Veranschaulichung eines abstrakten Gedankens allgemein interessierender Einzelfall ungewöhnlicher Vorfall

Aufgabe 2 Nach obigen Definitionen kann der Text leicht mit einer Kurzgeschichte verwechselt werden, da die Parabel „Heimkehr“ auch Merkmale dieser Textsorte enthält. Einfacher lässt sich dies am Inhalt veranschaulichen, denn der Text enthält zahlreiche Bilder, die der Leser zunächst entschlüsseln muss. Klarer wird Ihnen das vielleicht mit Hilfe der folgenden Tabelle. Auf der linken Seite finden Sie Bilder, die im Text auftauchen (s. hierzu auch die Inhaltsangabe und Textanalyse unter Unterpunkt 2). Deren Aussage (Sachebene) müssen Sie sich selbst erschließen. Die ausgewählten Beispiele dienen nun dieser Verdeutlichung. Allerdings werden hier nicht alle Bilder erwähnt. Bildebene (Text)

Sachebene Deutung Ich bin zurückgekehrt. Ankunft zu Hause Die Katze lauert auf dem Geländer. Anzeichen für Unwillkommensein Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg ins Haus ist verWeg zur Bodentreppe. sperrt. Ich wage nicht, an der Küchentür zu klopfen. Unsicherheit Diese Tabelle sollten Sie im Hinterkopf behalten, wenn Sie den Text später analysieren. Das wird Ihnen bei der Texterschließung helfen. ©deutsch.digitale-schule-bayern.de Texterläuterungen: Alexandra Weber und Eckehart Weiß Zeichnungen: Tine Neubert - Ein Nachdruck der Zeichnungen ist nur für unterrichtliche Zwecke erlaubt. Jede andere Form der Veröffentlichung bedarf der Zustimmung der Autoren.

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1.2 Erzählverhalten Bei der Analyse von Erzähltexten spielt die Klärung der Erzählsituation eines Textes eine große Rolle. Man unterscheidet bei fiktionalen Erzähltexten grundsätzlich zwischen dem Autor als realem „Schöpfer“ der Erzählung und dem Erzähler bzw. der Erzählinstanz als fiktionsinterne Größe. Der Erzähler kann dabei entweder so präsent sein, dass fast der Eindruck einer „Person“ entsteht, oder aber ohne feste Umrisse bleiben und nahezu vollständig hinter den Text zurücktreten. Welchen Stellenwert der Erzähler bzw. die Erzählinstanz in einem Text hat, in welchem Verhältnis er zu der Geschichte steht, aus welcher Perspektive und in welcher Form erzählt wird, dies alles wird unter dem Begriff der „Erzählsituation“ zusammengefasst.

1.2.1 Erzählperspektive Wir unterscheiden im Wesentlichen drei Erzähler: Ich-Erzähler

Auktorialer ler

In der Regel die Hauptperson, die das Geschehen aus ihrer Sicht erzählt. Alles, was sie über andere Personen wie auch über die eigene Handlungsmotivation erzählt, ist subjektiv, auch wenn es in der Geschichte als objektiv erscheint. Erzäh- Allwissender, gottgleicher Erzähler, der das ganze Geschehen kennt und überblickt. Er kennt Gedanken und Handlungsmotive aller Personen und arrangiert das Geschehen bewusst.

ErDas Geschehen wird aus der Sicht einer der beteiligten Personen (dies Erzähler/Personaler muss keine Hauptperson sein) geschildert. Wie bei Ich-Erzähler wird Erzähler das Geschehen damit zwar als objektiv geschildert, aber subjektiv gesehen.

Aufgabe 1: Welche Erzählperspektive verwendet Kafka? Erläutern Sie die Wirkung dieser Perspektive. Aufgabe 2: Da diese drei Erzählsituationen zentral für die Texterschließung sind, finden Sie unter dem folgenden Link noch eine zusätzliche Webübung zum Thema Erzählperspektiven: http://kommunikation.digitaleschulebayern.de/mod/resource/view.php?id=3584. Lösung Aufgabe 1 Bei der Erzählperspektive handelt es sich um einen Ich-Erzähler. Durch ihn erfahren wir die Gedanken und Gefühle des Protagonisten. Damit wird die Handlung aus subjektiver Sicht wiedergegeben. Dennoch bleibt das Ich fiktiv und kann nicht mit dem Autor gleichgesetzt werden.

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1.2.2 Erzählzeit vs. Erzählte Zeit Diese Begrifflichkeiten sollten Sie kennen. Bei der Textanalyse wird die erzählte Zeit analysiert, d.h. in welchem Zeitraum die Geschichte spielt. Erzählzeit

Die Zeit, die man braucht, um die Geschichte zu erzählen, zu lesen.

Erzählte Zeit

Der Zeitraum, den die Geschichte, einschließlich der Vorgeschichte, umfasst. Hinweise für die Analyse und Interpretation: Wo klaffen erzählte Zeit und Erzählzeit stark auseinander, wo sind sie identisch, wo ist die Erzählzeit kürzer, wo länger als die erzählte Zeit (Raffung und Dehnung) Die Zeitstruktur eines Textes kann wesentlich dazu beitragen, den Aufbau zu durchschauen.

Aufgabe: Zeigen Sie das Verhältnis von erzählter Zeit und Erzählzeit in Kafkas Text auf. Nennen Sie insbesondere Zeit dehnende und Zeit raffende Passagen. Welche Wirkung wird dadurch erzielt? Lösung Die Komposition des Textes entspricht einer Gedankenbewegung des Ankommenden, der zunächst den verwahrlosten elterlichen Hof betrachtet, sich dann gedanklich in das Innere bewegt und sich schließlich entschließt, nicht heimzukehren. Es handelt sich damit um ein deutlich Zeit dehnendes Erzählen, denn der eigentliche Gedankengang dürfte kürzer sein, als die Zeit, die der Leser benötigt, diese Parabel vorzutragen.

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1.3 Ortsstruktur Die Ortsstruktur eines Textes kann wichtige Informationen über die Deutung liefern, denn mit dem Ort können auch die Intentionen wechseln, die dahinter stehen. Gerade in der vorliegenden Parabel von Kafka wird dies deutlich. Aufgabe: Untersuchen Sie den Text im Hinblick auf die Ortsstruktur. Welche Orte werden genannt? Wie werden Sie beschrieben? Versuchen Sie anschließend daraus für sich eine Deutung abzuleiten.

Fanz Kafka: Heimkehr Deutung/Assoziation Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Ich wage nicht an der Küchentüre zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will?

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Lösung Wichtig erscheint hier der symbolische Charakter der einzelnen Orte, die im Text genannt werden. Zu Beginn des Textes wird der Hof des Vaters beschrieben („Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind.“). Er wirkt unwirtlich und vermittelt nicht das Gefühl des Willkommenseins. Auch das Haus des Vaters wird als „kalt“ und damit unwirtlich beschrieben („Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte.“). Die Küche jedoch wirkt behaglich. Dort wird das Abendessen gekocht, die Menschen sitzen beisammen („Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht“). Entsprechend ein Ort der Gemütlichkeit. Der Ich-Erzähler positioniert sich am Ende dazwischen. Er bleibt vor der Küchentür im Flur stehen.

1.5 Personenkonstellation Die im Text genannten Personen und ihre Beziehungen zueinander spielen für die Deutung eine zentrale Rolle, auch wenn in kurzen narrativen Texten die Konstellationen durchaus einfach erscheinen. In Kafkas Parabel geht es eindeutig um die Vater-Sohn-Beziehung, welche offenkundig von der Kindheit schwer belastet ist und den Sohn daran hindert, in das elterliche Haus zurückzukehren.

1.6 Sprachlich-stilistische Analyse Bei der sprachlich-stilistischen Analyse werden die sprachlichen Eigenheiten des Textes untersucht. In der Regel umfasst die sprachlich-stilistische Analyse dabei die Untersuchung der • Syntax, • Wortwahl bzw. verwendeten Wortarten, • rhetorisch-stilistischen Mittel. Tipp: Bei der Sprachanalyse sollten Sie stets darauf achten, zunächst das Wichtigste bzw. Auffälligste aus dem Text herauszufiltern und zu benennen (mit Textstellenzitat). Einen wesentlichen Hinweis für die Analyse bietet die Textstruktur. Sie ergibt eine Aufgliederung des Textes in verschiedene Sinnabschnitte, die sich in der Regel auch sprachlich unterscheiden. Somit genügt es, die in den erkannten Sinnabschnitten kennzeichnenden Merkmale hervorzuheben. Es ist vollkommen sinnlos, alle möglichen Mittel aufzuzählen. Überlegen Sie sich, welche Wirkung die einzelnen Sinnabschnitte haben und ob Satzbau, Wortwahl oder auffällige Figuren dazu beitragen, diese Wirkung zu vertiefen. Nur diese Mittel sind interessant. Einen Überblick über die wichtigsten rhetorisch-stilistischen Mittel finden Sie unter dem folgenden Link http://kommunikation.digitaleschulebayern.de/mod/glossary/view.php?id=7227.

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2 Erschließung poetischer Texte am Beispiel von Kafkas Parabel „Heimkehr“ Die Texterschließung umfasst zwei Aspekte: die Textanalyse, die formale Beschreibung des Textes, und die Deutung des Textes. Um einen Text schlüssig erschließen zu können, muss man ihn zuvor sehr gut beschrieben haben. Dabei bezieht sich die Analyse grundsätzlich auf die im Text erkennbaren Bereiche wie Textsorte, Inhalt, Aufbau, Erzählperspektive, OrtsZeitstruktur, Personenkonstellation und die kennzeichnenden sprachlichen Mittel. Bei der Interpretation geht es nicht darum, was wir als Leser mit dem Text verbinden und was wir uns aus ihm selbst erschließen können. Jeder Sinnabschnitt ist somit bedeutend. Zunächst sollten Sie die Aussageabsicht der Einzelabschnitte durchdenken. Es gibt somit mindestens so viele Deutungsaspekte wie Sinnabschnitte. Danach erst überlegen Sie, worin die Gesamtaussage des Textes liegt, indem Sie die einzelnen Deutungsbereiche zusammenfassen und zu einer allgemeinen Interpretation weiterentwickeln. Hilfreich sind darüber überlieferte Quellen zur Entstehung der Texte, z. B. Briefe und Tagebücher der Autoren. Was wir wissen und für die Interpretation nutzen können, sind jedoch allgemeine Kenntnisse über die Biographie eines Verfassers sowie über die literarische Epoche, in die sich der Text einbetten lässt. Die Gesamtdeutung sollte dann je nach Aufgabenstellung im literarischen Kontext erörtert oder kommentiert werden.

2. 1 Arbeitsplan An dieser Stelle sei nochmals auf den entscheidenden Unterschied zwischen Arbeitsplan und Gliederung hingewiesen. Arbeitsplan Beim Arbeitsplan handelt es sich um das Konzept, das als Grundlage für das Schreiben des Aufsatzes dient. Skizzenhaft enthält es alle Punkte, die der Verfasser bei der Texterschließung ausführen möchte. Auch Gedanken zur Formulierung von Überleitungen sollten im Arbeitsplan notiert werden. Gliederung Erst nachdem die Texterschließung nach dem Arbeitsplan geschrieben worden ist, entsteht die eigentliche Gliederung. Sie ist vergleichbar mit einer Inhaltsangabe zur Texterschließung und sollte die Hauptpunkte im Nominalstil enthalten. Die Gliederung muss inhaltlich der tatsächlichen Ausführung des Aufsatzes entsprechen, denn während des Schreibens können sich gegenüber dem Arbeitsplan Änderungen in der Gedankenfolge ergeben. Ein für die Interpretation eines literarischen Textes allgemein gültiges Schema kann - leider nicht gegeben werden. Dies würde voraussetzen, dass die Autoren alle ähnlich vorgehen, dass also Ort, Zeit, Figurenkonstellation, Erzähltechnik und sprachliche Mittel immer ähnlich gewichtet und verwendet werden. Darüber hinaus müsste auch die Aufgabenstellung zu den jeweiligen Texten immer gleich aussehen. So kann das Folgende lediglich als Gerüst, also als Arbeitsplan gesehen werden, der je nach Text und Aufgabenstellung neu zusammengebaut werden muss. A. Einleitung Textart, Titel, Autor, Thema (Basissatz) B. Erschließung

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Texterschließung Mittel- und Oberstufe I. Analytische Gesichtpunkte (in Auswahl je nach Text – Reihenfolgen mit Ausnahme von Punkt 1. frei) 1. Inhaltsangabe (Textzusammenfassung mit Basissatz) 2. Aufbau (kann in die Inhaltsangabe integriert werden) 3. Orts- und Zeitstruktur 4. Personenkonstellation 5. Erzählperspektive 6. Sprachlich-stilistische Gestaltung II. Deutung 1. Deutungsthesen (in der Regel eine These pro Sinnabschnitt) 2. 3. …. 5. Gesamtdeutung

III. Erörternde oder literaturhistorische Betrachtung eines Teilaspekts – in der Aufgabenstellung enthalten. Fordert die Aufgabenstellung keinen erörternden Gedanken, sollten Sie eine persönliche Meinung stattdessen als Schlussgedanken wählen. In diesem Falle wäre III. Gleich C. C. Schluss: Ein weiterführender Gedanken, der mit der Gesamtaussage etwas zu tun hat. Im Folgenden sollen nun die einzelnen Punkte nach und nach abgehandelt werden.

2.2 Die Einleitung Die Einleitung führt zum Thema hin. Wichtig ist, dass Sie sich auf einen Aspekt, einen Leitgedanken konzentrieren. Hierfür bieten sich verschiedene Themenbereiche an wie die Biografie des Autors, Informationen zum zeitgeschichtlichen Hintergrund, Assoziationen mit Begriffen oder ein Vergleich zu einem anderen Werk oder Autor. Ansatzpunkte dafür finden Sie auch im Text bzw. seinem Thema. So erhalten wir oft bereits in der Überschrift Informationen zum Handlungsgeschehen. Die Überschrift kann somit für die spätere Interpretation ebenfalls wichtig sein. Daher lohnt es sich, ein wenig bei ihr zu verweilen und sich stichpunktartig zu einzelnen Begriffen (Schlüsselbegriffe) Ideen und Gedanken zu notieren, die auch in der Einleitung wieder aufgegriffen werden können. Ihr Einleitungsgedanke ©deutsch.digitale-schule-bayern.de Texterläuterungen: Alexandra Weber und Eckehart Weiß Zeichnungen: Tine Neubert - Ein Nachdruck der Zeichnungen ist nur für unterrichtliche Zwecke erlaubt. Jede andere Form der Veröffentlichung bedarf der Zustimmung der Autoren.

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Texterschließung Mittel- und Oberstufe kann auch in den Schluss eingehen. Dies rundet Ihren Aufsatz damit ab. Allerdings sollten Sie sich hierbei auf ein Themenfeld, d. h. zum Beispiel „Biografie“ oder „Assoziation“ beschränken.

Stichpunkt „Mindmap“ Eine Mindmap stellt eine graphische Darstellung zur Strukturierung von Gedanken dar. Dabei wird in der Regel ein Leitbegriff in den Mittelpunkt gestellt. Ausgehend von diesem Leitbegriff werden einzelne Stichpunkte notiert und durch einen „Ast“ mit diesem verbunden, d.h. einem Oberbegriff werden verschiedene Unterbegriffe zugeordnet. Dadurch entsteht eine Bäumchenstruktur, die die logischen Verknüpfungen deutlich macht und die sich weiter auffächern lässt, d.h. die einzelnen Unterbegriffe lassen sich erneut strukturieren.

Aufgabe 1: 1. Nutzen Sie nun die nachfolgende Struktur der Mindmap und notieren Sie sich Stichpunkte, die Ihnen zum Thema „Heimkehr“ einfallen! Sollten Sie Schwierigkeiten dabei haben, dann stellen Sie sich einfach vor, Sie würden nach langer Zeit selbst nach Hause zurückkehren. 2. Vergleichen Sie anschließend diese mit der Aussage des Textes! Stimmt die Überschrift mit dem Textinhalt überein oder nicht? Begründen Sie Ihre Antwort!

Heimkehr

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Lösung Mindmap nach Hause kommen

Jemand, der dir zuhört

Ort, an dem man bleiben kann

Freude

Heimkehr

Jemand, der auf dich wartet Heimat

Familie

Geborgenheit

Die in der Überschrift angekündigte „Heimkehr“ vollzieht sich im Text nur andeutungsweise in Form einer Rückkehr (vgl. hierzu auch Z. 1: „Ich bin zurückgekehrt [...]“). Das, was man normalerweise mit „Heimkehr“ im positiven Sinn verbindet, wandelt sich hier in das Gegenteil.

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Aufgabe 2: Der biographische und historische Hintergrund 1. Informieren Sie sich über das Leben von Franz Kafka, indem Sie die folgenden Linkadressen www.wikipedia.de besuchen und das nachfolgende Arbeitsblatt ausfüllen! Diese Vorgehensweise nennt man übrigens WebQuest.

Stichpunkt WebQuest Frei übersetzt bedeutet WebQuest soviel wie „Spurensuche im Internet“. Dabei geht es darum, gesuchte Antworten anhand vorgegebener Internetseiten zu finden, ähnlich einer „Schnipseljagd“. Wichtig dabei ist es, die Aufgabenstellung sehr gut durchzulesen. Sollte ein Link nicht funktionieren, überprüfen Sie bitte die Linkadresse noch einmal genau! 2. Informieren Sie sich in Wikipedia (www.wikipedia.de), dem Internetlexikon, über die literarische Epoche des Expressionismus! Lässt sich Kafka dieser literarischen Richtung, die die Jahrhundertwende prägte, einordnen? Die hieraus gewonnenen Erkenntnisse können Sie in Ihrer Interpretation verwenden. Sie können Ihre Interpretation zusätzlich untermauern.

WebQuest Franz Kafka *______________ in ___________________ +______________ in ___________________ Eltern: ____________________________________________ Seine Freunde: ___________________________________________ Zentrale Werke: ___________________________________________________________________ ___________________________________________________________________ ___________________________________________________________________ Themen in seinen Werken: ___________________________________________________________________

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Lösung WebQuest Franz Kafka * 3.Juli 1883 in Prag + 3.Juni 1924 in Klosterneuburg Eltern: Vater – Hermann Kafka, Mutter – Julie Kafka Seine Freunde: Hugo Bergmann, Paul Kisch, Oskar Pollak, Felix Weltsch, Oskar Baum Zentrale Werke: Das Urteil, Die Verwandlung, Das Schloss, Der Prozess, zahlreiche Parabeln wie z.B. Vor dem Gesetz, Heimkehr ... Themen in seinen Werken: Scheitern und das vergebliche Streben der Figuren; Grausamkeit; Verwandlung vom Mensch zum Tier;

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2.3 Erschließen poetischer Texte Die Texterschließung umfasst zwei Aspekte: die Textanalyse, die formale Beschreibung des Textes, und die Deutung des Textes. Um einen Text schlüssig erschließen zu können, muss man ihn zuvor sehr gut beschrieben haben. Dabei bezieht sich die Analyse nicht nur allein auf den Inhalt eines literarischen Textes. Siehe Arbeitsplan! Lesen Sie sich nun in Ruhe die Parabel „Heimkehr“ von Franz Kafka durch. Franz Kafka: Heimkehr Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Ich wage nicht an der Küchentüre zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will? [Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/kafka/misc/heimkehr.htm]

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2.3.1 Analyse 2.3.1.1 Die Textzusammenfassung Um den Text sinnvoll erfassen zu können, sollten Sie die Analysekriterien durchgehen und sich fragen, welche Mittel Ihnen helfen, den Text zu erfassen. Texte sind dabei wie Individuen und tragen ganz unterschiedliche Züge. Rezepturen helfen fast nie. Aber Sie sehen schon das Elementare: In dieser Parabel erfahren wir das Geschehen ausschließlich aus dem Blick des heimkehrenden Sohnes. Daran erkennen Sie, dass es sich um eine vollkommen subjektive Betrachtung handelt. Andere Perspektiven gibt es nicht. Sie müssen somit auch nicht erwähnt werden. Ferner erkennen Sie, dass temporale Bezüge gar keine Rolle spielen. Vergleichen Sie erzählte Zeit und Erzählzeit, dann stellen Sie fest, dass es sich um ein extrem Zeit dehnendes Erzählen handelt. Im Grunde handelt es sich um Gedanken, die dem Heimkehrenden in wenigen Sekunden durch den Kopf gehen. Orts- und Zeitstruktur spielen unter Umständen für die Deutung eine große Rolle, helfen aber auch, die Kompositionsidee eines Textes zu durchschauen. Da hier die Zeitstruktur keine Rolle spielt, helfen die erwähnten Orte. Wie bereits erwähnt ist die Personenkonstellation einfach. Nur der Vater und der Sohn spielen eine Rolle. Es geht somit um einen Vater-SohnKonflikt. Ferner bemerken Sie, dass sprachlich insgesamt die rhetorischen Fragen auffallen. Auch sie strukturieren den Text. Darüber hinaus spielen offenkundig kleine Beschreibungen eine große Rolle. Es lässt sich durchaus behaupten, dass der Text aus einem einzigen Gedankenstrom besteht.

Aufgabe: Um die strukturierende Rolle der Ortstruktur zu begreifen, markieren Sie im Text alle Orte grün und nehmen Sie dann noch das zweite auffällige Mittel hinzu, nämlich die rhetorischen Fragen und markieren Sie diese gelb. Dann versuchen Sie eine Gliederung des Textes in Sinnabschnitte. Gehen Sie dafür den Text zwei Mal durch. Erst die Orte, dann die rhetorischen Fragen. Im Anschluss fügen Sie dort Absätze ein, wo ein neuer Sinnabschnitt zu erkennen ist.

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Fanz Kafka: Heimkehr

Orte und rhetorische Fragen

Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Ich wage nicht an der Küchentüre zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will?

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Texterschließung Mittel- und Oberstufe Es müsste sich nun nachfolgendes Bild ergeben. Sie erkennen, dass der Text aus vier Sinnabschnitten besteht. Weitere Unterteilungen sind denkbar. Sie erkennen auch, dass die Orte und die rhetorischen Fragen den Text gliedern. Um nicht nur von Sinnabschnitten zu reden, können Sie sich jetzt die Erzählidee überlegen. Es hilft ein wenig, wenn Sie vorab das Wesentliche des jeweiligen Sinnabschnitts zusammenfassen. Hilfreich ist dabei die Gliederung mit römischen Ziffern.

Ortstruktur- RhetorischeFragen Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen.

I. Rückkehr und Blick auf den heimatlichen Hof verfallen, feindliche Katze, Kindheitserinnerung Erinnerung an ehemalige Vertrautheit

Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte.

II. Gedanken an die Zuhause Gebliebenen, insbesondere Gedanken an seinen Vater Assoziation an warme Vertrautheit – Erinnerung an den Vater Entfremdung des Vertrauten - Kälte

Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Ich wage nicht an der Küchentüre zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren.

III. Aufkommender Selbstzweife über den Sinn seines Besuchs Verliert das Interesse an seinen Vater oder die Menschen, die jetzt in dem Hof wohnen. Kindheit sehr entfernt. Spürt, dass sich niemand für ihn interessiert.

Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. IV. Erkenntnis der Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich Sinnlosigkeit der Heimkehr etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Erkenntnis einer Gemeinsamkeit – auch er Geheimnis wahren will? will nicht das Geheimnis seiner Entwicklung preisgeben. Abkehr

Überlegen Sie nun noch, welche inhaltlichen Punkte der einzelnen Sinnabschnitte für die Textzusammenfassung unabdingbar sind. Sie können sie rechts unter die Überschriften schreiben. Sie sind oben blau eingefügt.

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Texterschließung Mittel- und Oberstufe Fügen Sie nun den Text der rechten Spalte in einer doppelspaltigen Tabelle links ein und fassen Sie rechts den Text in eigenen Worten zusammen. Als Verknüpfungen verwenden Sie entweder Wörter, die die Reihenfolge der Gedanken ausdrücken, oder Adverbialsätze. Der Basissatz dürfte Ihnen jetzt leicht fallen. Sie haben die Gedankenbewegung erkannt. Der Sohn steht vor dem elterlichen Anwesen, betrachtet es, dringt in Gedanken in das Innere, die Küche, stellt sich seinen Vater vor, erinnert sich an dessen Gefühlskälte und beschließt, den Hof nicht zu betreten. Das könnte so klingen: In Kafkas Parabel „Heimkehr“ beschreibt der Ich-Erzähler seine Gefühle, als er nach langen Jahren vor dem elterlichen Anwesen steht. Die Gegenstände und Gebäude sind ihm noch teilweise vertraut. Als er sich gedanklich ins Innere des väterlichen Hofes bewegt, spürt er das Desinteresse seines Vaters an seiner Rückkehr und beschließt, den Hof nicht zu betreten.

I. Rückkehr und Blick auf den heimatlichen Hof verfallen, feindliche Katze, Kindheitserinnerung Erinnerung an ehemalige Vertrautheit

I. Als der Sohn zum väterlichen Anwesen zurückkehrt, betrachtet er zunächst die offenkundige Verwahrlosung des Hofes, die durch eine feindlich blickende Katze noch verstärkt wird. Nur ein an einer Stange flatterndes Tuch ruft in ihm Jugenderinnerungen wach. II. Gedanken an die Zuhause II. Gebliebenen, insbesondere Gedanken an In Gedanken begibt er sich in das Innere des seinen Vater Hauses, in die Küche, spürt jedoch, dass Assoziation an warme Vertrautheit – niemand ein Verlangen nach seinem Besuch Erinnerung an den Vater hat und erinnert sich an die Kälte, mit dem Entfremdung des Vertrauten - Kälte ihn sein Vater in der Kindheit begegnete. III. Aufkommender Selbstzweife über den Sinn seines Besuchs Verliert das Interesse an seinen Vater oder die Menschen, die jetzt in dem Hof wohnen. Kindheit sehr entfernt. Spürt, dass sich niemand für ihn interessiert. IV. Erkenntnis der Sinnlosigkeit der Heimkehr Erkenntnis einer Gemeinsamkeit – auch er will nicht das Geheimnis seiner Entwicklung preisgeben. Abkehr

III. Dieses Gefühl erweckt in ihm Selbstzweifel über den Sinn seiner Rückkehrt.

IV. Er erkennt schließlich, dass er auch nicht bereit ist, das Geheimnis seiner Entwicklung preiszugeben und beschließt das väterliche Haus nicht zu betreten.

Damit haben Sie einen zentralen Teil der Interpretation bereits gelöst: die Inhaltsangabe.

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Texterschließung Mittel- und Oberstufe Basissatz In Kafkas Parabel „Heimkehr“ beschreibt der Ich-Erzähler seine Gefühle, als er nach langen Jahren vor dem elterlichen Anwesen steht. Die Gegenstände und Gebäude sind ihm noch teilweise vertraut. Als er sich gedanklich ins Innere des väterlichen Hofes bewegt, spürt er das Desinteresse seines Vaters an seiner Rückkehr und beschließt, den Hof nicht zu betreten. Inhalt Als der Sohn zum väterlichen Anwesen zurückkehrt, betrachtet er zunächst die offenkundige Verwahrlosung des Hofes, die durch eine feindlich blickende Katze noch verstärkt wird. Nur ein an einer Stange flatterndes Tuch ruft in ihm Jugenderinnerungen wach. In Gedanken begibt er sich in das Innere des Hauses, in die Küche, spürt jedoch, dass niemand ein Verlangen nach seinem Besuch hat und erinnert sich an die Kälte, mit dem ihn sein Vater in der Kindheit begegnete. Dieses Gefühl erweckt in ihm Selbstzweifel über den Sinn seiner Rückkehr. Er erkennt schließlich, dass er auch nicht bereit ist, das Geheimnis seiner Entwicklung preiszugeben und beschließt, das väterliche Haus nicht zu betreten.

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2.3.1.2 Sprachlich-stilistische Analyse Aufgabe 1. Untersuchen Sie zunächst den Text im Hinblick auf die Stilmittel! Markieren Sie diese im Text. Notieren Sie anschließend das Stilmittel am Rand und erläutern Sie anschließend dessen Wirkung. Verwenden Sie für die verschiedenen Stilmittel unterschiedliche Farben. 2. Betrachten Sie anschließend den Satzbau und die Wortwahl im Text. Vergleichen Sie anschließend Ihre Ergebnisse mit der Lösung. Bei der Lösung wird Ihnen auffallen, dass gleichzeitig versucht wurde, eine Erläuterung hierfür im Bezug auf den Text zu geben. Dies geht schon in die Richtung der Textinterpretation.

Wortwahl Satzbau Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Ich wage nicht an der Küchentüre zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will?

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Die Erläuterungen für die einzelnen Stilmittel mit Bezug zum Inhalt finden Sie in der Tabelle darunter. Strukturierter Text I. Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte.

Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. II. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. III. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Ich wage nicht an der Küchentüre zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. IV. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will?

Wortwahl I.

Satzbau Häufig paralleler Satzbau, Häufige Verwendung von gekoppelt mit Personalpronomen und Verdopplung Possessivpronomen (ich, du) à der Aussage Versuch der Zuordnung; subjektive Gedanken werden wiedergegeben Adjektive und Adverbien beschreiben Haus und Hof à spiegeln gleichzeitig Gemütszustand des Ich-Erzählers wider II. Interrogativsätze-rhetorische Fragen à Selbstzweifel

Verben der sinnlichen Wahrnehmung!

III. Rhetorische Frage Sprachliche Parallelität zum ersten Sinnabschnitt

IV. Verben à Wechsel von dynamisch zu statisch rhetorische Frage als offenes Ende

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Hier die Erläuterungen im Einzelnen: •

• • •

• •

Häufige Verwendung der Personalpronomina „ich“ und „du“ (beim inneren Monolog) sowie des Possessivpronomens „mein“, das hier aber weniger Besitz als vielmehr einen Versuch der Bestimmung der Zugehörigkeit darstellt, die sich v. a. über den Vater vollzieht („meines Vaters“). Interrogativsätze, die auf das bevorstehende, erwartete Geschehen hinweisen, auf die dann aber nicht die - erlösende - Antwort folgt, sondern wiederum Beobachtungen folgen, die ihrerseits eigentlich den nächsten Schritt - eine Handlung - nach sich ziehen müssten. („Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür?“ -> Erwartung des folgenden Geschehens -> statt einer Antwort (Eltern, Vater, Mutter ...) folgen zunächst Beobachtungen wie: „Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zu Abendessen wird gekocht, beides Zeichen, die normalerweise ein sofortiges Eintreten vermuten ließen. In diesem Zusammenhang wäre auch der letzte Satz in seiner Funktion als rhetorische Frage zu erläutern (vgl. h). Häufig paralleler Satzbau, gekoppelt mit einer Verdopplung der Aussage -> Versuch, Sicherheit zu gewinnen, ‘alles hat seine Ordnung’. Verwendung des Konjunktivs -> Unsicherheit des Ich-Erzählers. Adjektive, Adverbien, die Haus und Hof beschreiben sollen, dabei aber immer wieder den Gemütszustand des Ich-Erzählers widerspiegeln -> 'unbrauchbar' (vgl. „Was kann ich ihnen nützen [...]“), -> 'zerrissen' (vgl. das zerrissene Tuch), -> "unsicher", fremd ( vgl. „Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück [...]“). Wechsel von dynamischen Verben am Beginn zu statischen Verben: ‘zurückkehren’, ‘durchschreiten’ -> ‘stehen’, ‘sitzen’ als Gerundium verwendet. Verben der sinnlichen Wahrnehmung: ‘blicken, ‘fühlen’, ‘hören’, das zusammen mit ‘horchen’ den 3. Abschnitt bestimmt. So folgt auf das Sehen nach der Ankunft die Frage nach dem Sich-Fühlen und da sich hier keine Gewissheit einstellen will folgt das (In sich Hinein)Hören als dritter - logischer – Schritt. Die Wahrnehmungen und - unbewussten - Deutungen führen automatisch zum Bildbereich.

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2.3.2 Deutung Die formalen Erkenntnisse zum Erzählverhalten, zur Orts- und Zeitstruktur sind nur in ihren wesentlichen Merkmalen zu erfassen. Sie helfen Ihnen, den Sinn und den Gedankengang des Textes zu erfassen. Ein erstes Resultat aus diesen Untersuchungen ist die gute Inhaltsangabe. Auch die Deutung lässt sich in einem einfachen digitalen Verfahren erklären. Sie haben erkannt, dass der Text vier Sinnabschnitte enthält. Da in der Kurzprosa kein Sinnabschnitt bedeutungslos sein kann, sollten Sie zunächst pro Sinnabschnitt eine Erklärungsoder Deutungsthese aufstellen und innerhalb des Sinnabschnittes nach sprachlichen oder inhaltlichen Begründungen suchen. Nehmen Sie sich dafür nochmals den bereits in der Textzusammenfassung strukturierten Text vor. Anstelle der Überschriften versuchen Sie nun Erklärungen über den jeweiligen Sinnabschnitt zu schreiben. Sie können den Überschriften durchaus ähneln, denn auch die Abstraktion, die Sie durch Überschriften vorgenommen haben, geht schon in Richtung Deutung. Distanziertes behutsames Ankommen – das heimatliche Anwesen wirkt nicht freundlich Der Hof ist verwahrlost (Pfütze in der Mitte), der Weg ist verstellt (Altes, unbrauchbares Gerät …verfahren - verstellt den Weg…das einzige Lebewesen, die Katze wirkt feindlich (lauert), ein Tuch erinnert an die Kindheit – (zerrissen) große Distanz Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Assoziationen – Erinnerungen an die Kälte seines Vaters Das Bilde der Gemütlichkeit (Kaffe zum Abendessen wird gekocht – heimlich – zu Hause kontrastiert mit der Feindlichkeit der Gebäude (kalt steht Stück neben Stück), kein Interesse an einem Besucher (jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt) Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Erkenntnis der Sinnlosigkeit und Nutzlosigkeit seiner Heimkehr (Was kann ich ihnen nützen – des Landwirts Sohn) Zunehmender innerer Abstand – (nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend… Letzte Erinnerung an seine Kindheit – (einen leichten Uhrenschlag) – somit etwas völlig Belangloses. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Ich wage nicht an der Küchentüre zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren.

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Texterschließung Mittel- und Oberstufe Erkenntnis: Zögern bei der Rückkehr bedeutet Entfremdung vom Zuhause (je… desto fremder wird man) – Er möchte dem Vater sein Inneres nicht öffnen (einer, der sein Geheimnis wahren will) Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will? Aus diesen Einzelerklärungen ergibt sich auch eine Gesamtdeutung, die das Wesentliche alle Einzelerklärungen zusammenfasst. Hierbei können literaturgeschichtliche, biblische und auch persönliche Assoziationen einfließen. Eine Deutung ist immer neu, weil Texte stets in verschiedenen Zeiten und mit ganz unterschiedlichem persönlichem Hintergrund gelesen werden: Nahe liegend: Kafkas Verhältnis zum eigenen Vater – autoritäre Erziehung zu Beginn des letzten Jahrhunderts, Vergleich mit der Bibel. Eigene Assoziationen zur Elternbeziehung, Bedeutung des Heimkommens. Siehe hierzu die Modelllösung. Jetzt erkennen Sie auch das Verfahren. Die blau markierten Erklärungen heben abstrakt vom Text ab. Die erwähnten Zitate dienen als Begründungen. Sie müssen aber sprachlich genau umschrieben werden. Die genauen Bezeichnungen ergeben sich aus der sprachlichen Analyse. Wortarten müssen Sie kennen, rhetorische Figuren etc. In der Ausführung gehen Sie jetzt genau den umgekehrten Weg. Zunächst haben Sie vom Text abstrahiert und Erklärungen mit Begründungen am Text aufgestellt. In der Deutung beginnen Sie mit Ihren Erklärungen und begründen sie haargenau am Text.

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Aufgabe Stellen Sie zu jedem Sinnabschnitt zunächst eine Erklärungsthese auf und erörtern Sie diese anschließend! Legen Sie der Deutung Ihre Meinung zu Grunde, ohne dabei den Text zu vernachlässigen, d. h. belegen Sie Ihre Argumente mit entsprechenden Textstellen! Beziehen Sie bereits erarbeitete Ergebnisse in den Text ein! Berücksichtigen Sie dabei auch den literaturhistorischen und autobiographischen Hintergrund des Stückes! Die Ausformulierung ergibt Ihre Deutung bzw. Interpretation der Parabel. Bei Ihren Ausführungen sollten Sie auch auf die Gattung der Parabel Bezug nehmen. Lösung s. Musteraufsatz 2.4 Erörterung Bevor Sie mit der Erörterung beginnen, sollten Sie darauf achten, wie das Erörterungsthema gestellt wurde. Daraus lässt sich auch die Art der Erörterung ableiten. Darüber hinaus wird oftmals die Erörterung stark durch die Aufgabenstellung eingegrenzt. In unserem Beispiel wird keine explizite Erörterung gefordert, wie die Themenstellung zeigt: Erschließen Sie die Erzählung „Heimkehr“ von Franz Kafka. Erörtern Sie abschließend das angeführte Zitat des Philosophen Kierkegaard im Kontext der Gesamtdeutung! 2.5 Schluss Der Schlussgedanke kann eng mit Ihrer Erörterung verbunden sein. Sie können aber auch Ihren Einleitungsgedanken – insofern sich dies thematisch anbietet – wieder aufgreifen oder einen allgemeinen Schlussgedanken auswählen. 2.6 Anmerkungen zur Ausformulierung Die folgenden Versatzstücke sind lediglich Anregungen, um die eigene Analyse und Interpretation in Aufsatzform zu bringen. FÜR DIE EINLEITUNG: • Die Parabel/Kurzgeschichte/Anekdote/Fabel... (Titel) von ... (Autor) handelt von ... (Thema) • In seiner Parabel/Kurzgeschichte/Anekdote/Fabel ... (Titel) beschäftigt sich ... (Autor) mit dem Thema/Problem ... • Die Parabel/Kurzgeschichte/Anekdote/Fabel... (Titel) von... (Autor) scheint auf den ersten Blick von Thema/Problem zu handeln. Bei genauerem Lesen zeigt sich aber, dass sich hinter der Oberflächenhandlung eine zweite, allgemeinere/tiefergehende Problematik/Themenstellung ... verbirgt.

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FÜR DEN HAUPTTEIL Gliederung: Die Parabel lässt sich in Anzahl Abschnitte gliedern. Der 1. Abschnitt (Z. 1 -x) handelt von ... (Inhalt). Darauf folgt (Z. x - y) ... (Inhalt). Am Ende der Parabel (Z. y - z) geht es um/wird geschildert/erzählt... (Inhalt). Nach Möglichkeit, die Aufbauidee erfassen und Fachbegriffe verwenden wie knappe expositorische Einleitung, abrupter Beginn, deskriptive Absätze, unterbrochen von rhetorischen Fragen, offener Schluss, auch Klimax, Spannungssteigerung, steigende Handlung, Pointe, Moral, je nach Textform Erzählperspektive: Die Geschichte wird aus der Perspektive des ... (Typ des Erzählers) erzählt (Beleg zitieren!). Daraus ergibt sich/D.h., dass das ganze Geschehen subjektiv [Ich-/Er-Erzähler]/gleichsam objektiv [auktorialer Erzähler] geschildert wird. Ortsstruktur: Allgemein gibt es in dieser Parabel nur einen Ort, den väterlichen Hof. Jeder Bestandteil bis zum Inneren des Hauses wird jedoch im Detail beschreiben… Zeitstruktur- Erzählzeit- erzählte Zeit Temporale Bezüge spielen in diesem Text keine Rolle. Es handelt sich um einen Gedanken, der dem Ich-Erzähler angesichts des elterlichen Hofes durch den Kopf geht. Der gesamte Text könnte somit als ein Gedankenstrom aufgefasst werden. Personenkonstellation: Die Parabel dreht sich inhaltlich hauptsächlich um die Beziehung des heimkehrenden Sohnes zu seinem Elternhaus. Besonders ist die Vater-Sohn-Beziehung hervorgehoben. Sprachebene/Stil allgemein + erster Bezug zum Leser: Die Handlung erscheint auf den ersten Blick einfach/kompliziert, was auch in der Sprache zum Ausdruck kommt. Der Text ist in Hochsprache/Umgangssprache/Slang mit einfachen parataktischen/komplizierten hypotaktischen Sätzen erzählt. Damit steht der Text jedermann offen/setzt konzentriertes Lesen voraus/erfordert eine intensive Beschäftigung mit dem Text. Titel und Lesererwartung: • Der Titel „Heimkehr" lässt zunächst ... erwarten. Diese Lesererwartung wird im Verlauf der Geschichte bestätigt/erhält aber im Laufe der Handlung eine andere Richtung. Dies zeigt sich deutlich ... (Z. x). • Während der Titel „Heimkehr" zunächst eine Geschichte über ... vermuten lässt, wird bereits Stelle die Lesererwartung nicht erfüllt. Statt ... ,wird der Leser mit ... konfrontiert. • Mit dem Titel erweckt der Erzähler beim Leser die Erwartung, dass ... Diese Erwartung wird jedoch nur teilweise erfüllt. Bereits Stelle/Spätestens ab Stelle wird für den Leser deutlich, dass ... Inhalt: • Die Handlung setzt abrupt/mit einer kurzen Einführung in die Situation/mit ... ein. • Das Hauptmotiv, ...., zieht sich durch den ganzen Text (Z. x, Z. y, Z. zff). • Am Ende bricht die Handlung abrupt ab und überlässt es dem Leser einen Schluss zu finden. • Der offene Schluss aktiviert den Leser, der die Geschichte selber zu Ende denken muss. ©deutsch.digitale-schule-bayern.de Texterläuterungen: Alexandra Weber und Eckehart Weiß Zeichnungen: Tine Neubert - Ein Nachdruck der Zeichnungen ist nur für unterrichtliche Zwecke erlaubt. Jede andere Form der Veröffentlichung bedarf der Zustimmung der Autoren.

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Texterschließung Mittel- und Oberstufe • •

Parallel zu dieser Handlung verläuft ein zweiter Handlungsstrang: ... In diese Haupthandlung schiebt der Erzähler genau an der Stelle, an der ..., eine Nebenhandlung ein , ...

Sprachliche Untersuchung: • Der Erzähler verwendet sehr viele Adjektive/Adverbien/dynamische/statische Verben/..., die die Parabel sehr anschaulich/dynamisch ... gestalten. • Die evaluativen Adjektive (Beleg) zeigen auf der einen Seite, wie stark der Erzähler wertet, auf der andere Seite wird der Leser durch sie stark beeinflusst. • Die vielen deskriptiven Adjektive und Adverbien (Beleg) machen das Geschehen und die handelnden Figuren sehr lebendig. • Der Verzicht auf alle schmückenden und beschreibenden Adjektive und Adverbien lässt den Text (zunächst) sehr sachlich und nüchtern erscheinen. • Die gehäuft auftretenden Verben der Gemütsbewegung (Z. x,y,z) zeigen, ....

Deutung: Der knappe einleitende Abschnitt verdeutlicht… Die Beschreibung des elterlichen Hofes steht für…. Die gedankliche Bewegung ins Innere des Hauses symbolisiert… Der offene Schluss enthält die eigentliche Botschaft…. Insgesamt enthält die Parabel folgende Aspekte… FÜR DEN SCHLUSS: • • •

Die Gesamtaussage der Parabel ... ist auch heute noch relevant Die Gefühle und Handlungsweisen der Hauptfigur können vom Leser gut nachvollzogen werden, da ... Die Parabel macht deutlich, dass ...

Sparsam umgehen sollte man mit Spekulationen/“Aussagen“ über die Intention des Autors nach dem Muster: Kafka wollte hier ... zeigen (vgl. Vorbemerkung)! Wichtig ist, dass alle Aussagen über den Text am Text (Zitat, Zeilenverweis) belegt werden. Auf richtiges Zitieren achten! (Vgl. Skript „Regeln zum Zitieren“) Jedem Befund muss die Analyse der Wirkung/Funktion folgen.

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Texterschließung Mittel- und Oberstufe

2.7 Musteraufsatz mit Gliederung Gliederung A. Bedeutung Kafkas B. Erschließung der Parabel „Heimkehr von Franz Kafka I. Analyse der Parabel „Heimkehr“ 1. Inhaltsangabe 2. Textkomposition als gedankliche Bewegung des Ankommenden 3. Zeitdehnendes Erzählen 4. subjektive Erzählperspektive 5. Strukturierung durch differenzierte Ortsangaben 6. sprachlich-stilistische Gestaltung a) einfacher Satzbau b) Parallelismen zur Betonung c) Wiederholungen als Akzentuierung wesentlicher Aussagen d) Interrogativsätze und deskriptive Passagen als Vorausdeutungen e) Pronomina als Merkmal des inneren Monologs und der Selbstbesinnung f) Adjektive als Spiegelung des Gemützustandes g) statische Verben als Ausdruck des Innehaltens II. Verfremdete Heimkehr 1. Feindlichkeit des elterlichen Anwesens 2. gebrochenes Verhältnis zum Vater 3. Sinnlosigkeit einer Rückkehr 4. Entscheidung für einen eigenen Lebensweg 5. Umkehrung des biblischen Gleichnisses a) Verfremdung der Wirklichkeit b) verschlossene Welt III. Kafka und Kierkegaard – Sinn der eigenen Existenz C. Autobiographische Bezüge – Parabel als literarisches Mittel I. Kafka als Außenseiter II. Parabel als Mittel zur Darstellung einer entfremdeten Welt

Themenstellung: Erschließen Sie die Erzählung „Heimkehr“ von Franz Kafka. Erörtern Sie abschließend das angeführte Zitat des Philosophen Kierkegaard im Kontext der Gesamtdeutung! „Wo bin ich? Was heißt denn das: die Welt? Was bedeutet dies Wort? Wer hat mich in das Ganze hineinbetrogen, und lässt mich nun dastehen?“ [Kierkegaard, „Die Wiederholung“, zit. Bei Bert Nagel, Kafka und die Weltliteratur. München 1983, S.291] Franz Kafka gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Über kaum einen anderen Autor wurde so viel geschrieben und gerätselt wie über Kafka. In seinen Prosawerken gibt er meist ei-

A. Einleitungsgedanke - Genauso gut sind erste Assoziationen zum Titel denkbar. Nicht immer sind literaturgeschichtliche o-

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Texterschließung Mittel- und Oberstufe nem angst- und schuldgequälten, in auswegloser Lage der biografische Kenntnisse parat. verfangenem Daseinsgefühl eine Bildgestalt. B. Erschließung der Parabel „Heimkehr von Franz Kafka In Kafkas Parabel „Heimkehr“ beschreibt der Ich- Er- I. Analyse des Textes zähler seine Gefühle, als er nach langen Jahren vor 1. Inhaltsangabe dem elterlichen Anwesen steht. Die Gegenstände und Gebäude sind ihm noch teilweise vertraut. Als er sich gedanklich ins Innere des väterlichen Hofes bewegt, spürt er das Desinteresse seines Vaters an seiner Rückkehr und beschließt, den Hof nicht zu betreten. Als der Sohn zum väterlichen Anwesen zurückkehrt betrachtet er zunächst die offenkundige Verwahrlosung des Hofes, die durch eine feindlich blickende Katze noch verstärkt wird. Nur ein an einer Stange flatterndes Tuch ruft in ihm Jugenderinnerungen wach. In Gedanken begibt er sich in das Innere des Hauses, in die Küche, spürt jedoch, dass niemand ein Verlangen nach seinem Besuch hat und erinnert sich an die Kälte, mit dem ihn sein Vater in der Kindheit begegnete. Dieses Gefühl erweckt in ihm Selbstzweifel über den Sinn seiner Rückkehr. Er erkennt schließlich, dass er auch nicht bereit ist, das Geheimnis seiner Entwicklung preiszugeben und beschließt, das väterliche Haus nicht zu betreten. Die Komposition des Textes entspricht einer Gedan2. Textkomposition als gedanklikenbewegung des Ankommenden, der zunächst den che Bewegung des Ankommenden verwahrlosten elterlichen Hof betrachtet, sich dann gedanklich in das Innere bewegt und sich schließlich entschließt, nicht heimzukehren. Es handelt sich damit um ein deutlich Zeit dehnendes 3. Zeitdehnendes Erzählen Erzählen, denn der eigentliche Gedankengang dürfte kürzer sein, als die Zeit, die der Leser benötigt, diese Parabel vorzutragen. Der Blickwinkel des Ich-Erzählers ist dabei vollkom4. subjektive Erzählperspektive men subjektiv. Wir erfahren alle Beschreibungen und Empfindungen nur aus seiner Perspektive. Ordnend wirken dabei nur die genannten Orte und die 5. Strukturierung durch differenmarkant hervortretenden rhetorischen Fragen. zierte Ortsangaben

Auffällig ist die Einfachheit des Satzbaus und der Wortwahl. Die Sätze sind größtenteils einfach gebaut, Satzreihen herrschen vor. Es liegen viele Parataxen und Parallelismen vor: „Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten“ (Z.1); „Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche?“ (Z.7).

6. sprachlich-stilistische Gestaltung a) einfacher Satzbau b) Parallelismen zur Betonung

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Texterschließung Mittel- und Oberstufe Gekoppelt mit einer Verdopplung der Aussage deutet dies darauf hin, dass der Ich-Erzähler damit versucht, Sicherheit in dieser für ihn fremden Umgebung zu finden. Dies wird insbesondere in der Doppelung der Aussage „Ich bin zurückgekehrt.“ (Z.1) und „Ich bin angekommen.“ (Z.6) deutlich. Den Interrogativsätzen, die auf das bevorstehende, erwartete Geschehen hinweisen, auf die dann aber nicht die erlösende Antwort wie zum Beispiel „Eltern, Mutter, Vater“ folgt, sondern wiederum Beobachtungen, die ihrerseits eigentlich den nächsten Schritt – eine Handlung – nach sich ziehen müssten, folgen zunächst Beobachtungen wie „Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht“, beides Zeichen, die normalerweise ein sofortiges Eintreten vermuten ließen, das aber nicht erfolgt. Auch die häufige Verwendung der Personalpronomina „ich“ und „du“ beim inneren Monolog sowie des Possessivpronomens „mein“, das hier aber weniger Besitz als vielmehr einen Versuch der Bestimmung der Zugehörigkeit darstellt, die sich vor allem über den Vater vollzieht („meines Vaters Haus“), drücken ein Suchen nach Zugehörigkeit aus. Die Unsicherheit bleibt jedoch, was ebenso der Konjunktiv zum Ausdruck bringt. Die Zweifel kommen auch durch die Beschreibung der Umgebung zum Ausdruck. Bildhaft spiegeln sich darin die Gefühle des Ich-Erzählers wieder. So werden hier Adjektive und Adverbien verwendet, die Haus und Hof beschreiben sollen, dabei aber immer wieder den Gemütszustand des Ich-Erzählers wiedergeben („unbrauchbar“, „unsicher“, „fremd“ – „Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück“), geschweige denn ihn zu dieser Deutung des „UnwillkommenSeins“ veranlassen, wenn es zu Beginn bereits heißt: „Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind.“ Auf das Sehen nach der Ankunft („ich blicke mich um“) folgt die Frage nach dem Sich-Fühlen und da sich hier keine Gewissheit einstellen will, folgt das (In sich Hinein)Hören als dritter logischer Schritt, wodurch die Wahrnehmungen und – unbewussten – Deutungen automatisch zum Bildbereich führen. Diese Wahrnehmungen beeinflussen den Protagonisten in seinem Handeln. Am Ende bleibt der Ich-Erzähler stehen. Er verhält sich passiv. War er derjenige, der zu Beginn noch selbst aktiv war, kommt am Ende durch die statischen Verben „stehen“ und „sitzen“ Passivität der Beteiligten zum Ausdruck. Weder er, noch die, die in der Küche

c) Wiederholungen als Akzentu ierung wesentlicher Aussagen d) Interrogativsätze und deskriptive Passagen als Vorausdeutungen

e) Pronomina als Merkmal des inneren Monologs und Selbstbesinnung

f) Adjektive als Spiegelung des Gemützustandes

g) statische Verben als Aus druck des Innehaltens

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Texterschließung Mittel- und Oberstufe sitzen, werden aktiv. Der Heimkehrer kehrt nur zögernd nach Hause zu- II. Verfremdete Heimkehr rück. Das heimatliche Anwesen wirkt nicht freundlich. 1. Feindlichkeit des elterlichen Der einst vertraute Hof ist verwahrlost und ungepflegt, Anwesens eine „Pfütze in der Mitte“. Auch ist ihm der Weg durch sinnlose Gegenstände verstellt. Hervorzuheben ist das Partizip „verfahren“, welches auf sein Verhältnis zum elterlichen Hof schließen lässt. Diese Verfahrenheit steigert das Verb „verstellt“. In den Jahren seiner Abwesenheit hat sich viel aufgetürmt, was ihm die Rückkehr verstellt. Das einzige Lebewesen, die Katze auf dem Geländer, wirkt feindlich und bedrohend. Das Verb „lauern“ deutet eine versteckte Gefahr an, die ihm vom elterlichen Hause droht. Er findet ein Erinnerungsstück aus seiner Kindheit, das „zerrissene Tuch“. Das als Adjektiv verwendete Partizip deutet seine Erkenntnis am Ende der Parabel voraus, nämlich das entfremdete Verhältnis zu seinem Vater. Er spürt, dass alle Bindungen an die Kindheit, sein Elternhaus zerrissen sind. Seine Gedanken dringen in das Innere des Hauses, 2. gebrochenes Verhältnis zum die Küche als Lebensraum. Das Bild der GemütlichVater keit, der abendliche Kaffee wird durch die Kälte gebrochen, die die Gebäude ausstrahlen („kalt steht Stück neben Stück“). Diese Kälte symbolisiert gleichzeitig sein Verhältnis zum Vater und er empfindet, dass er nicht willkommen ist. Wie in seiner Kindheit ist jeder nur mit sich selbst beschäftigt und zeigt kein Interesse an dem anderen „jedes (ist) mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt“. Es stellt sich bei ihm die Erkenntnis der Sinnlosigkeit ….3. Sinnlosigkeit einer Rückkehr und Nutzlosigkeit seiner Heimkehr ein und dies, wie aus der Apposition deutlich wird, obgleich er der Sohn des Hauses ist: „Was kann ich ihnen nützen – des Landwirts Sohn“. Zunehmend distanziert er sich. Die Bedeutung dieses inneren Abstands verdeutlicht die Repetitio von „nur von der Ferne“ und das Partizip „stehend“. Es bedeutet, dass es nur eines Schrittes zur Umkehr bedarf: „Nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend…“ Als letzte Erinnerung an seine Kindheit nimmt er völlig Belangloses, etwas Technisches wahr, „einen leichten Uhrenschlag“. Ihm wird klar, dass er nicht fröhlich ins Haus treten 4. Entscheidung für einen eigekann, er die Tür nicht öffnen wird. So wenig ihn jetzt nen Lebensweg noch das Anliegen oder die vergangene Kälte seines Vaters interessiert, so wenig möchte er etwas von sich preisgeben: „Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will?“ Im Gegensatz zum biblischen Gleichnis des verlore5. Umkehrung des biblischen ©deutsch.digitale-schule-bayern.de Texterläuterungen: Alexandra Weber und Eckehart Weiß Zeichnungen: Tine Neubert - Ein Nachdruck der Zeichnungen ist nur für unterrichtliche Zwecke erlaubt. Jede andere Form der Veröffentlichung bedarf der Zustimmung der Autoren.

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Texterschließung Mittel- und Oberstufe nen Sohnes zerstört Kafka die Heimkehridylle. Da gab es keine liebevolle Kindheit, da gibt es keinen Vater, der sich über die Rückkehr freut und dem Sohn ein Fest ausrichtet. Der Heimkehrer erkennt, dass er, nachdem er einmal das elterliche Haus verlassen hat, seinen Weg alleine gehen muss und jede Rückkehr und jeder Versuch, die häuslichen Probleme aufzuarbeiten oder bei seinem Vater Verständnis für seinen Weg zu finden, vergeblich sind. So entschließt er sich, seinen Weg, auch ohne Vater, weiterzugehen, sein Geheimnis, seine Entwicklung für sich zu behalten.

Gleichnisses

Was gibt uns diese Episode demnach zu verstehen? a) Verfremdung der Wirklichkeit Ausgehend vom Alltag und im Rahmen des Wirklichen zeigt sich die Erzählung von der Absicht bestimmt, die alltägliche Wirklichkeit zu verfremden. Wobei die Betrachtung der Sprache ergibt, dass die Wortwahl das Gewöhnliche betrifft. Es ist kein ungewöhnliches Wort da. Dass trotzdem der Eindruck des Ungewöhnlichen und Hintergründigen erweckt wird, liegt an der Art der Kombination der einfachen Wörter und Sätze. Für den Leser bleiben diese Sätze zum Teil verschlossen bzw. rational nicht nachvollziehbar und werfen damit neue Fragen auf: Warum wird man fremder, je länger man vor der Tür zögert? Warum wird man zum Geheimnisträger? b) verschlossene Welt Die Welt, in die Kafka uns einführt, ist uns unverständlich und scheint des Sinnes zu entbehren. In ihr herrschen Gesetze, die wir nicht kennen. Ort und Zeit sind in ihrer gewohnten Zuordnung durchbrochen. Aus gegebenen, bekannten Voraussetzungen folgt nicht die erwartete Schlussfolgerung. In dieser Welt kann man sich nicht behaupten. Es gibt keinen Ort, der vertraut bzw. vertrauenswürdig wäre (nicht einmal das Haus des Vaters), keine Unwelt, die sich freundlich und hilfreich zeigte. In der Parabel ist ein Anklang an Kierkegaard unüber- III. Kafka und Kierkegaard – Sinn der eigenen Existenz hörbar. Es ist die Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz, die den Philosophen ebenso wie den Dichter bewegt. Für beide war die eigene menschliche Existenz der einzige Gegenstand ihres Schreibens. Die qualvolle Selbstumkreisung führte zu Zweifel und zur Verzweiflung. „Wo bin ich? Was heißt denn das: die Welt? Was bedeutet dies Wort? Wer hat mich in das Ganze hineinbetrogen, und lässt mich nun dastehen?“ Diese Selbstzweifel finden sich auch in der Parabel wieder: „Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause?“. Kaum angekommen, wird die Ankunft bereits hinterfragt. „Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher.“ Hier zeigt sich die Unsicherheit in Bezug auf die eigene Existenz. Der Ich-Erzähler hinterfragt und zweifelt an seiner Identität, weshalb auch die versuchte Zuord©deutsch.digitale-schule-bayern.de Texterläuterungen: Alexandra Weber und Eckehart Weiß Zeichnungen: Tine Neubert - Ein Nachdruck der Zeichnungen ist nur für unterrichtliche Zwecke erlaubt. Jede andere Form der Veröffentlichung bedarf der Zustimmung der Autoren.

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Texterschließung Mittel- und Oberstufe nung zum elterlichen Haus misslingt. „Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn.“ Hier zeigen sich am deutlichsten die Selbstzweifel des Ich-Erzählers, die sich schließlich auch auf sein Handeln auswirken, indem er am Ende passiv vor der Tür der Küche stehen bleibt. Die Parabel weist autobiographische Züge Kafkas auf. C. autobiographische Bezüge In der eigenen Familie galt Franz Kafka als introverI. Kafka als Außenseiter tiert und als Außenseiter. Dies ist insbesondere auf das Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater zurückzuführen, der ihm in keiner Weise Interesse entgegenbrachte. Franz Kafka schrieb in späteren Jahren einen ca. hundertseitigen Brief an den Vater (1919), den er allerdings niemals abgeschickt hat. Darin schildert er aus der scheinbaren Distanz von dreißig Jahren sein Kindheits-Trauma: den übermächtigen Vater, der alles kategorisch bestimmte und in jeder Frage von vornherein Recht hatte und den er deshalb grenzenlos bewunderte, der jedoch seine Kinder nur mit abschätziger Ironie behandelte und verächtlich alles abtat, wofür sich Franz begeistern mochte. Das Resultat dieses ungleichen Kampfes bestand darin, dass der ohnehin schüchterne Junge noch weniger aus sich herausging, dass er verstockt wurde und kaum mehr etwas redete. Auch in seiner persönlichen Entwicklung blieb Kafka entscheidend zurück. Vielleicht hängt damit zusammen, dass er zeit seines Lebens das Aussehen eines Jugendlichen hatte. Verschärft wurden die Probleme zum einen durch den Ersten Weltkrieg, der Reisen unmöglich machte und dadurch die sozialen Kontakte von Franz Kafka auf Prag beschränkte, zum anderen durch seine Krankheit, die ihn zu monatelangen Kuraufenthalten in abgeschiedenen Gegenden zwang. Diese Vereinsamung bzw. Isolierung zeigt sich auch in der Erzählung „Heimkehr“ wieder. So lässt sich das Erleben des Fremdseins des IchErzählers auf Kafka bzw. umgekehrt von Kafka auf den Ich-Erzähler übertragen. Auf den ersten Blick betrachtet erscheint die Parabel II. Parabel als Mittel zur Darstellung Kafkas eine Erzählung aus dem Alltag, aus dem ge- einer entfremdeten Welt meinem Leben. Beschäftigt man sich näher mit ihr, werfen sich jedoch Fragen auf. Fragen, die rational nicht beantwortbar scheinen und typisch für Kafka sind. Kafka verrätselt seine Erzählung. Die Deutung bleibt schließlich vieldeutig und zuletzt dem Leser vorbehalten.

3. Die Interpretation einer Kurzgeschichte am Beispiel von Wolfgang Borchert „Nachts schlafen die Ratten doch“ ©deutsch.digitale-schule-bayern.de Texterläuterungen: Alexandra Weber und Eckehart Weiß Zeichnungen: Tine Neubert - Ein Nachdruck der Zeichnungen ist nur für unterrichtliche Zwecke erlaubt. Jede andere Form der Veröffentlichung bedarf der Zustimmung der Autoren.

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3.1 Gliederung A. Informationen zu Autor und Werk B. Texterschließung der Kurzgeschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“ von Wolfgang Borchert I. Analyse 1. Inhaltsangabe mit Basissatz 2. Erzählstruktur 3. Erzählperspektive 4. Sprachlich-stilistische Analyse a) Satzbau b) Wortwahl c) Stilmittel • Personifikation • Ellipse • Inversion II. Deutung 1. Bedeutung des Dialoges zwischen dem Jungen und dem Mann 2. Schicksalsschlag 3. Die Symbolik der Kurzgeschichte C. Aktuelle Thematik 3.2 Schüleraufsatz 10. Klasse Wolfgang Borchert, der Autor der Kurzgeschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“, lebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Schon in jungen Jahren fing er zu schreiben an. Er wurde mehrmals wegen Defätismus von den Nationalsozialisten ins Gefängnis geworfen und zur Bewährung an die Front versetzt. In seinen Kurzgeschichten und Gedichten behandelt er Menschenschicksale der Kriegs- und Nachkriegszeit. Am 20.11.1947 stirbt er 26jährig in Basel. Sowohl Borcherts Leben, als auch die Zeit, in der die Kurzgeschichte geschrieben wurde, waren vom Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen bestimmt. Das Leben im Nachkriegsdeutschland war stark von Zerstörung, Hunger und Armut geprägt, was Borchert auch in mehreren anderen Kurzgeschichten zum Ausdruck bringt. Die Kurzgeschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“ von Wolfgang Borchert handelt von einem den Leichnam seines kleinen Bruders bewachenden Jungen, der durch einen Passanten mittels einer Lüge von dieser Tätigkeit abgebracht wird. Der neunjährige Junge Jürgen verharrt nach Ende des Krieges vor dem zerstörten Gebäude, unter dem die

A. Autor und Werk

B. Texterschließung der Kurzgeschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“ von Wolfgang Borchert I. Analyse

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Leiche seines vierjährigen Bruders liegt, die er vor Aas fressenden Ratten beschützen will. Ein vorbei- 1. Inhaltsangabe mit Basiskommender älterer Mann fragt ihn, ob er vor dem satz Haus schlafe. Jürgen verneint und wird daraufhin gefragt, was er denn sonst tue. Obwohl der Junge dem Mann anfangs misstraut, baut sich im Laufe des Gesprächs Vertrauen zwischen den beiden auf und Jürgen erzählt dem Mann letztendlich von seiner Tätigkeit. Auf die Fragen des Mannes antwortet Jürgen zu Beginn entsprechend nur sehr ausweichend. Erst als der Alte ihm ein Kaninchen anbietet und sich bereits zum Gehen wendet, rückt der Junge mit der Sprache heraus. Daraufhin versucht der ältere Herr ihn mit der Lüge, dass Ratten nachts schlafen, von seiner Tätigkeit abzubringen. Der Junge bekommt erste Zweifel am Sinn seiner Aufgabe und zieht in Erwägung, mit dem Mann mitzugehen und seine Kaninchen anzusehen. Schlussendlich steht der Junge auf und fragt, ob er denn ein weißes bekommen könne. Der Alte sagt zu und bietet ihm an später wieder zu kommen und ihn abzuholen. Die Rahmenerzählung besteht aus der Einleitung von Zeile 1-3, sowie dem Schluss (Z.87-91). Bei der Bin2. Erzählstruktur nenerzählung handelt es sich fast ausschließlich um und Erzählverhalten einen reinen Dialog zwischen den zwei Hauptprotagonisten, was also auf szenisches Erzählen schließen lässt. Da es keinerlei Zeitsprünge gibt, liegt eine kontinuierliche Erzählung vor. Die Erzählzeit gleicht in etwa der erzählten Zeit, das Lesen der Geschichte nimmt also in etwa genau so viel Zeit ein, wie die erzählte Handlung. Dies erleichtert es dem Leser, sich in das Geschehen der Kurzgeschichte hineinzuversetzen. Der Schluss ist offen angelegt, sodass es dem Leser überlassen bleibt, sich ein passendes Ende selbst auszudenken. Die Erzählhaltung ist weitgehend personal, da der Erzähler meist neutral schildert. Lediglich 3. Erzählperspektive manchmal kommen auktoriale Elemente hinzu. So drücken zum Beispiel Sätze wie „Jetzt haben Sie mich! Dachte er.“ (Z.6) oder „Klar, sagte Jürgen, und um Zeit zu gewinnen sagte er noch [...].“ (Z.34) die Gedanken der Personen aus. Der Erzähler deutet jedoch nie das Geschehen, sondern überlässt dies dem Leser. Die kurzen, nicht verschachtelten und immer ähnlich aufgebauten Sätze zeigen, dass ein parataktischer, paralleler Satzbau vorliegt, der sich erst am Ende der 4. Sprachlich-stilistische Erzählung verändert. Ebenso ändert sich die Wortwahl Analyse im Lauf der Geschichte: Wird zu Beginn noch die Um- a) Satzbau 35

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gebung fokussiert, so wird am Ende der Blick auf die Personen gerichtet. Dies drückt sich auch in der b) Wortwahl Wortwahl aus. Zu Beginn werden eher statische, Traurigkeit erweckende Verben und Adjektive verwendet, während gegen Ende immer mehr die Hoffnung ihren Ausdruck findet. Dies drücken dynamische Verben wie „laufen“ oder „schwenken“ und Adjektive wie „aufgeregt“ oder „grün“ aus, die für Hoffnung, für Besserung stehen. Darüber hinaus stehen am Ende die Personen im Vordergrund. Sowohl in der Einleitung als auch im Schluss verwendet der Verfasser eine Reihe von Stilmitteln. Die Zerc) Stilmittel störung und die Ruhe werden durch Personifikationen Personifikation wie „[eine] vereinsamte Mauer“ (Z.1) oder „Die Schuttwüste döste.“ (Z.3) ausgedrückt, was zeigt, dass keine Aufbruchstimmung herrscht, sondern dass es sich um eine tote, vor sich hindämmernde Welt handelt. Bei letzterer Personifikation handelt es sich des Weiteren um eine Ellipse, die den Lesefluss stoppt und dadurch Ellipse diesen Sachverhalt noch einmal betont. Ganz anders Inversion verhält sich dies am Ende: Durch die Inversion und die Ellipse „Kaninchenfutter war da drin.“ (Z. 90f.) wird das Kaninchenfutter besonders betont, was für den Jungen für die Zukunft steht. Insgesamt lässt sich feststellen, dass sich im Schluss im Gegensatz zur Einleitung eine Wende vollzogen hat, welche sich in einem Blickwechsel sowie der aufkeimenden Hoffnung widerspiegelt. Während die Einleitung und der Schluss die Ausgangssituation und das Ergebnis des Dialogs zeigen, so zeigt das Gespräch den allmählichen Vertrauensaufbau des Jungen gegenüber dem Mann. Dieser möchte dem Jungen helfen, da er der Meinung ist, dass die Tätigkeit des Jungen sinnlos ist und dieser sich lieber Gedanken über seine Zukunft machen sollte. Er würde sich sogar um den Jungen kümmern. Der Junge hingegen klammert sich an die Reste seines alten Lebens. Ob die Eltern noch am Leben sind, ist unklar. Klar ist hingegen, dass er eine besondere Beziehung zu seinem Bruder hatte und sich deshalb nicht von ihm trennen möchte, oder kann.

II. Deutung 1. Bedeutung des Dialoges zwischen dem Jungen und dem Mann

Der Dialog nimmt damit eine sehr wichtige Rolle in der Kurzgeschichte ein. Er schildert den stetigen Zuwachs von Vertrauen, das der Junge in seiner Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit dem Mann entgegenbringt. Der Junge übernimmt die Aufgabe einer sinnlosen Toten©deutsch.digitale-schule-bayern.de Texterläuterungen: Alexandra Weber und Eckehart Weiß Zeichnungen: Tine Neubert - Ein Nachdruck der Zeichnungen ist nur für unterrichtliche Zwecke erlaubt. Jede andere Form der Veröffentlichung bedarf der Zustimmung der Autoren.

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wache für seinen Bruder – wahrscheinlich als Liebesbeweis und Zeichen, dass er nicht in der Lage ist, über dessen Tod hinweg zu kommen. Der Mann hat Mitleid mit ihm und will ihm helfen. Durch den Dialog wird ausgedrückt, wie der Mann auf seine Weise versucht, dem Kind zu helfen und ihm etwas von seinem Schmerz zu nehmen, um ihm neue Hoffnung zu schenken, was ihm auch gelingt. Die Lüge, welche ein Schlüsselereignis im dialog darstellt, zeigt nochmals, wie viel dem Mann daran liegt, dem Kind zu helfen. Besonders im Textverlauf merkt man, wie die anfängliche „Schuttwüste“ dem Kaninchen, einem Symbol für Leben und Hoffnung, weicht. Der Autor beschreibt damit das Schicksal eines Jungen, der traurig und einsam ist. Die ganze Umgebung um ihn herum ist zerstört. In meinen Augen zeigt dies alles eine große Hoffnungslosigkeit und Verlassenheit des Jungen. Wahrscheinlich hat er das erste Mal ein Familienmitglied verloren und so fühlt er sich verlassen. Am liebsten hätte er seinen kleinen Bruder bei sich. Das Leben hat so keinen Sinn mehr. Durch das Hinzukommen des Mannes, der sich mit Jürgen unterhält, verändert sich die Situation für den Jungen. Er kann nun nach Hause gehen, weil er erfährt, dass die Ratten nachts schlafen (Z. 78). Jürgen schöpft wieder Hoffnung und freut sich, dass er nach Hause gehen kann. Durch das Kaninchen, das der alte Mann ihm schenken will, kommt wieder Freude in sein Leben. Meiner Meinung nach will der Autor damit sagen, dass man, auch wenn etwas Schreckliches passiert ist, niemals die Hoffnung aufgeben soll. Vielleicht hat der Autor selbst so eine Situation z. B. im Gefängnis durchlebt. Eventuell hat er auch jemanden gehabt, der ihn immer wieder aufgemuntert und ihm Hoffnung gegeben hat. Möglicherweise soll der Text dazu anregen, dass man in seinem Leben immer eine positive Einstellung haben sollte. Obwohl der Text traurig ist und von Hunger und Elend handelt zeigt er, dass das Leben trotzdem weitergeht. Damit behandelt die Kurzgeschichte eine Thematik, die heute auch noch aktuell ist. Die Menschen in Bürgerkriegsländern wie in Afrika oder im Irak bleiben trotz des Krieges in ihren Heimatländern und hoffen auf einen Neubeginn.

2. Schicksalsschlag

3. Die Symbolik der Kurzgeschichte

C. Aktuelle Thematik

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Author: Gregorio Kreiger

Last Updated: 02/11/2023

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Name: Gregorio Kreiger

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